Farbe

Am ersten Tag geht es um Farben. Ein Stelle in der Nähe des Büros wird aufgesucht.

Nur Farben sollen wahrgenommen werden, ohne sich mit ihrem Zweck oder ihrer Funktion zu be­schäftigten. Die Umgebung scan­nen lernen wir.

Salt & PepperLeer werden, die Atmung spüren, einatmen, ausatmen, an nichts denken. Die Augen schließen. Die Füße spüren, den festen Boden. Geerdet sein. Ganz ruhig atmen. Entspannen. Ruhig werden. Nun eine Übung. Den ersten Moment der Wahrnehmung beachten lernen. Den Blitz, das „Pöff“, wie ich es später bezeichne.

SONY DSCImmer mehr Farben können entdeckt werden, man spürt regelrecht, wie die Wahrnehmung feiner wird. Nicht denken fällt schwer, das ist immer so. Nicht denken kann man nicht. Dennoch kann ich diesen Moment der ersten, ganz fri­schen Wahrnehmung immer besser erkennen, lerne mich an ihn zu erinnern und ihn im Gedächtnis zu behalten. Und um diese, ich möchte sagen, jungfräu­lichen Eindrücke geht es. Es geht darum zu lernen, den ersten frischen Blitz zu betrachten, genauso wie er ist, ohne Worte zu finden, ohne anzufangen, das Gesehene zu interpretieren. Weg mit Konzepten, mit Nachdenken darüber, mit Interpretation. Keine Geschichten dazu ausdenken.

Im Wartestand Es folgen verschiedene Übungen, die selbst- und fremdgesteuert sind. Augen schnell auf, oder auch mal langsam. Farben über Farben.

Das dauert. Ich wundere mich, dass nach kurzer Zeit eine Stunde um ist, dabei habe ich nichts weiter gemacht, als Farben zu sehen und mich abzuwenden, sobald meine Denkfabrik anfängt, die Farbe zu verarbeiten, in Formen zu pressen, zu werten und zu interpretieren, mir zu sagen, ob ich diese Farbe an der Stelle nun mag oder nicht, wie man es hätte besser färben können, wie gedankenlos die Menschen doch mit Farbe Schutzumgehen, wie geschmacklos. Nein, diese Gedanken werden im Keim erstickt, die Festplatte geputzt. Schauen wie ein Neugeborenes, ein kleines Kind, ohne Wertung und staunend. Erstaunlich – ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so lang damit beschäftigen könnte, nur auf Farbe zu achten, und nichts mit der durch ihre Beachtung gewonnenen Information anzufangen.

Erst über flüssig - jetzt unbrauchbar.Nun kommt der Arbeitsauftrag: Es soll Farbe fotografiert werden. Nur Farbe. Und weil es so schwierig ist, nur Farbe zu fotografieren, gibt es eine genaue Anweisung in Papier­form, auf der im wesentlichen be­schrieben wird, was alles nicht foto­grafiert werden soll, auch wenn es durchaus farbig ist. Und da komme ich mir dann schon recht einge­schränkt vor. Das Wort „Restriktio­nen“ fällt augenzwinkernd, es entwi­ckelt Halterungsich im Laufe der Tage zum Running Gag. Mir helfen später dann diese „Restriktionen“ sehr dabei, alles mögliche ausblenden zu können. Ohne diese Anweisungen hätte ich nicht so einfach „Farbe“ sehen können. Ich bekomme einen Spezialauftrag: Alles scharf, weiß Hiltrud doch um meine Affinität zu Un­schärfe in Bildern, zu eng begrenzten Schärfenebenen. Alles weg, ganz scharf, keine Konzepte! Das ist ein Kröte, die ich schlucken soll, aber doch, langsam verstehe ich, was sie meint, und habe dennoch reichlich Widerworte: es ginge ja nicht alles scharf, manchmal wäre es ja wichtig, das Ding der Anschauung scharf darzustellen und den Rest durch Unschärfe unwichtig zu machen, miksang-17das sei ja wohl auch im Sinn kontemplativer Fotografie und Miksang. Sie kann ganz schön tough sein, diese kleine, sympathische Person. Architektin halt, da weiß man mit Handwerkern klarzukommen – und ein etwas renitenter Amateurfotograf ist da ein Klacks. Aber so sollte das sein – ich habe den Workshop natürlich gebucht, um neues zu erfahren. Also ein Tag ohne Unschärfe, nur den Automatikmodus der Kamera benutzen, bloß kein gestalterisches Gefummel. Ein wenig grummelnd nehme ich dies zur Kenntnis (und bin mir sehr sicher, heimlich doch andere Fotos machen zu wollen).

Und immer wieder kommt der Hinweis, dass es um die Frische im Bild ginge. Dass der erste Gedanke der beste Gedanke sei. Nicht ins Grübeln kommen, wie man denn dies oder jenes nun besser darstellen könne. Stehen bleiben, betrachten, fühlen, eins wer­den. Dann schauen, ob und wie die Darstellung mit der Kamera klappt. ExtremaDas Bild soll bitte sehr sorgfältig aufgenommen werden. Achtsam eben. Mit einer gewissen Ehrfurcht vor der Welt. Vielleicht fühlt man auch, dass man gerade einen Teil seines eigenen Inneren fotografiert. Wer weiß?

Eine Information wird noch mit auf den Weg gegeben: Am Nachmittag werden die Bilder sortiert, und jeder sucht 15 aus, die den anderen gezeigt werden sollen. 15 – von, wie ich befürchte, einigen 100 Fotos, die ich in Zeiten digitaler Verwahrlosung in 2 Stunden so zu knipsen gewohnt bin. Wird ja sicher zufällig ein Gutes dabei sein… Nein, das ist jetzt übertrieben. Ich hatte auch bisher oft meine Fotos schon geplant – teils regelrecht durchgestylt, auch wenn eine größere Anzahl entstand… OrangeAlso, Wolfgang, nimm dich an die Kandare, knipse und style nicht. Lass die Welt auf Dich wirken. Denke nicht daran, nun überaus gute Fotos machen zu wollen. Das ergibt sich von allein. Fotografiere die Blitze. Bewege dich nicht von der Stelle, wenn dich eine Farbe angeblitzt hat. Verharre, nimm wahr, fühle in den ersten Moment, in dem es dies leise „Pöff“ gemacht hat, hinein. Frage dich, ist das abzulichten? Geht das technisch ohne großartige Verrenkungen? Dann wähle die Einstellungen (da gibt’s nicht viel zu wählen, ich muss ja den Automatikmodus nutzen), wähle den Ausschnitt und mach das Foto. Wenn du auf diese Weise fotografierst, dann wirst du keine 500 Fotos im Kasten haben. Spiel das Spiel mit. Ist ja nur für heute… Und ja, das Konzept geht auf, wie sich nachher zeigen wird.

Nun laufen wir los. Getrennt. Klar, KreuzungenFotografieren ist ein einsamer Prozess. Das geht am besten, wenn man allein ist. Man kann sich treiben lassen und wird in seiner Weltwahrnehmung nicht abgelenkt durch Gespräche mit anderen. Die innere Schwatzmaschine erfüllt ja sowieso zuverlässig ihren Dienst und labert einen voll, da bin ich mir sicher, ist doch immer so. Da braucht man keine äußere. Es geht wirklich nur allein, das habe ich jetzt noch einmal deutlich wahrgenommen. Bin ich in einer Gruppe unterwegs, das habe ich schon früher so empfunden, so fühle ich mich immer unter Druck, etwas schnell ablichten zu müssen. Mir fehlt die Ruhe, mich innerlich mit der Welt zu verbinden, weil ein paar Meter weiter Men­schen stehen, die darauf warten, dass ich endlich fertig werde, auch wenn sie vielleicht gar nicht warten, sondern sich nett unterhalten. Aber es fühlt sich so an, als zögen sie an mir. Ich fühle mich gestresst – und schon ist jede Verbindung mit der Welt dahin.

SONY DSCWelch eine Farbenpracht auf mich einstürzt. Welche eine Motivwelt! So vieles „darf“ nicht fotografiert werden (z.B. Buchstaben), und dennoch bleibt so viel übrig, dass es umwerfend ist. Aufsässig, wie ich bin, fotografiere ich doch Buchstaben. Zumindest stückchenweise…

Wie soll ich aus dem Angebot der Farben bloß selektieren, ich weiß schließlich, dass es am Nachmittag darum geht, 15 Fotos auszuwählen, um diese zu präsentieren. Oft stoppen mich die Komplementärkontraste. Aber das stelle ich erst fest, als ich die Bilder sichte.

HalmaDoch letztlich sind gegen Mittag, als wir uns zum Essen treffen, nur etwas mehr als 100 Fotos im Kasten. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, und ich musste gar nicht so oft unartig sein und etwas fotografieren, was nicht den „Rules“ entsprach. Nicht eine Sekunde habe ich mich gelangweilt – und welche Überra­schung: Meine innere Schwatzmaschine hatte Pause. Nahezu durchgehend. Ich habe fast ausschließlich ans Fotografieren gedacht! So gut habe ich den inneren Schwatzkopf lang nicht abschalten können. Atem-, Sitz- und Gehmeditation mag ganz hilfreich sein – meinen Laberautomaten, der immer alles kommentieren muss, mir Dinge erzählt, die ich in dem Moment oft gar nicht wissen will, hat sie nicht abstellen können, jedenfalls nicht über einen so langen Zeitraum von über 2 Stunden. Da finde ich Miksang im Sinne visueller Meditation schon mal äußerst erfolgreich.

Als man sich mittags wiedertrifft, ist man sich einig, dass diese Art der Welterkundung anstrengend ist und müde macht. Ein gutes Mittagessen in einem kleinen Cafè, dem H18, weckt zunächst die Lebensgeister, führt jedoch später zu Anfällen von Fressnarkose (zumindest bei mir), denn ich habe zu viel gegessen. Doch ich muss ja nur 80 Prozent meiner Bilder eindampfen.

TüllSpäter, zurück im Büro, geht es dann erst um die Auswahl die Bilder. Gut, dass es Kaffee gibt, auch wenn ein Mittagsschläfchen hilfreicher wäre.

Eine knappe Stunde später werden die Bilder präsentiert und man unterhält sich darüber, ob das Bild „frisch“ sei, und es fallen überhaupt keine Worte über den Goldenen Schnitt oder Rule of Thirds, Bildrauschen, Verzeichnungen, die vielleicht überhaupt nicht sein müssten, wenn man ein vernünftiges Objektiv benutzen würde. Nein, all dies ist nicht bedeutsam. Relevant ist, ob ein Bild spricht, am besten macht die Runde „Wow“, wenn es auf dem Bildschirm erscheint. Dann ist es gelungen. Manche Bilder lassen sich durch einen leichten Beschnitt in der Aussage steigern, dies ist ein erlaubtes und probates Gestal­tungsmittel, vielleicht wird ein wenig an der Belichtung und der Sättigung ge­dreht, alles ganz einfache Techniken, und Photoshop braucht hier keiner.

Beseelt verlasse ich den ersten Tag des WorkshopsEinsamkeit: Auffallen um jeden Preis. und entschwebe (bei den­noch genug Bodenhaftung) in eine Welt der Farben.

Ich erkunde Düsseldorf und finde mich in der Fressmeile bei einer guten Pizza und einem Glas Roten wieder. Überdies kann ich eine überaus gute und empfehlenswerte Eisdiele ausfindig ma­chen, und so lassen sich die Anstrengun­gen des Tages durch reichliche Kalorien­zufuhr mehr als ausgleichen. Die Lokali­sationen werden auch in den folgenden Tagen von mir so oft möglich frequen­tiert.

Eine Galerie mit Bildern vom Farben-Tag gibt es hier.

Der folgende Tag gehört dem Muster.